Ökonomin und Studienautorin, Institut für Österreichs Wirtschaft

Interview mit der Studienautorin Dr. Anna Kleissner 

Österreichs führende Expertin für Satellitenkonten hat die Bau- und Immobilienwirtschaft erstmals vollständig analysiert. Ihre Methode entspricht den Empfehlungen von Eurostat und schafft einen neuen Referenzrahmen für politische Entscheidungen.

Was würde Österreich ohne Bauwirtschaft verlieren? Eine Ökonomin hat die Antworten. 

Das Institut für Österreichs Wirtschaft (iföw ) hat im Auftrag der Fachgruppe Immobilien- und Vermögenstreuhänder der Wirtschaftskammer Wien, des Forschungsverbands der österreichischen Baustoffindustrie (FBI) und des Verbands der Baustoffhändler Österreichs (VBÖ) erstmals die volkswirtschaftliche Bedeutung der österreichischen Bau- und Immobilienwirtschaft umfassend erhoben.  
Dr. Anna Kleissner ist Ökonomin am iföw und führende Expertin für Satellitenkonten. Nach ihren Analysen zu Sport und Tourismus hat sie nun die Bau- und Immobilienwirtschaft umfassend untersucht. 
Die Untersuchung erfolgte mittels Impactanalye auf Basis eines Satellitenkontos, wie es auch von Eurostat für derartige Analysen empfohlen wird. Da die Erstellung eines Satellitenkontos mit erheblichem Aufwand verbunden ist und daher nicht zu den üblichen Verfahren der Studienproduktion zählt, haben wir Dr. Anna Kleissner um eine kurze fachliche Einordnung gebeten. 

Unter welchen Voraussetzungen entscheiden Sie sich für die Anwendung eines Satellitenkontos?  

Für die Analyse komplexer Querschnittsmaterien – also Bereiche, die sich nicht als einzelne, klar abgegrenzte Branchen darstellen lassen – empfiehlt Eurostat den Einsatz von Satellitenkonten. Eine Querschnittsmaterie wie die Bauwirtschaft umfasst zahlreiche Teilbereiche: vom Hoch- und Tiefbau über Baunebengewerbe bis hin zu Baustoffproduktion, Maschinen, Ausbildung und Interessensvertretungen. 
Hilfreich für die Abgrenzung ist die Leitfrage: „Welche Wirtschaftsbereiche würden wegfallen, wenn es den Bau nicht gäbe?“  Diese Methodik hat sich auch in anderen Querschnittsmaterien wie Tourismus, Sport oder Kultur bewährt. 

Welche spezifischen Vorteile bietet Ihnen das Satellitenkonto gegenüber klassischen statistischen Ansätzen?  

Eine evidenzbasierte Wirtschaftspolitik ist nur möglich, wenn die Bauwirtschaft realitätsnah erfasst wird. Genau das leistet ein Satellitenkonto: Es bildet das gesamte baurelevante Wertschöpfungsnetzwerk ab, vermeidet sowohl Unter- als auch Überschätzungen und liefert eine mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung konsistente Datengrundlage. Gleichzeitig ermöglicht es belastbare Multiplikatoren, da Doppelzählungen vermieden werden, die bei klassischen Methoden die Effekte oft unrealistisch hoch ausweisen. 

Welche Ergebnisse der Studie haben Sie besonders überrascht oder neue Perspektiven eröffnet?  

Zunächst hat überrascht, dass die Bauwirtschaft noch nie als die Querschnittsmaterie abgebildet wurde, die sie ist. Wahrscheinlich ist das dem Umstand geschuldet, dass der Bau bereits in der statistischen Erfassung zu den großen Sektoren der Wirtschaft zu zählen ist.  
Umso beeindruckender war dann die Größenordnung, die durch die Erfassung als Querschnittsmaterie sichtbar wird: Statt der statistisch ausgewiesenen rund 327.000 Beschäftigten hängen knapp 1,1 Millionen Arbeitsplätze von der Bauwirtschaft ab; rund 750.000 Arbeitsplätze werden demnach erst mit dem Satellitenkonto Bau „sichtbar“.

Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen empfehlen Sie als Ökonomin, um die Bau- und Immobilienwirtschaft nachhaltig zu beleben? 

Eine schwache Baukonjunktur belastet nicht nur die Bauwirtschaft selbst, sondern das gesamte regionale Wertschöpfungsnetzwerk. Daher braucht es mehr Impulse für Bauen und Sanieren.  
Entscheidend sind verlässliche, langfristige Rahmenbedingungen, die private und unternehmerische Investitionen fördern. Förderungen sollten gezielt dort ansetzen, wo sie zusätzliche Projekte ermöglichen, Mitnahmeeffekte vermeiden und so ausgestaltet sein, dass die fiskalischen Rückflüsse die Förderkosten zumindest decken

Neue Studie – Erstmals in Österreich – Der unterschätzte Sektor:

Die volks- und regionalwirtschaftliche Bedeutung der Bauwirtschaft in Österreich

Die Bauwirtschaft ist weit mehr als ein konjunktureller Indikator, sie bildet das ökonomische und soziale Fundament Österreichs. Ihre tatsächliche Stärke wird jedoch in der amtlichen Statistik unterschätzt. Dabei prägen industrielle Wertschöpfung, Dienstleistungen und tiefgreifende Lieferketten den gesamten Wirtschaftsraum. Diese 2026 durchgeführte Studie zeigt erstmals umfassend auf: Die Bauwirtschaft ist eine hochvernetzte Querschnittsmaterie. Wird sie geschwächt, gerät das wirtschaftliche Gleichgewicht Österreichs ins Wanken. Eine Neubewertung ist daher nicht nur statistische Präzision, sondern Voraussetzung für eine zukunftsfähige Standortpolitik.

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Das Institut

Über iföw 

Das Institut für Österreichs Wirtschaft ist ein als Verein gegründetes, unabhängiges und außeruniversitäres Wirtschaftsforschungsinstitut. Getreu seines Leitsatzes: „Wissen schaffen, faktenbasiert.“ hat es sich zum Ziel gesetzt durch volks- und betriebswirtschaftliche Analysen Wissen über die Wirtschaft zu generieren und dieses an Entscheidungsträger zu transferieren. Durch die Unabhängigkeit bei der Wahl der Forschungsagenda und bei der Auswahl unserer Forschungspartner, sind wir ausschließlich unserer Mission und der wissenschaftlichen Integrität verpflichtet. 
Im Zentrum unserer Forschungsarbeit stehen volks- und betriebswirtschaftliche Analysen zu unterschiedlichsten Sektoren und Branchen der österreichischen Wirtschaft. Hierbei analysieren wir insbesondere ihren Facettenreichtum, ihren Aufbau, ihre Entwicklung und ihre Bedeutung. Zudem steht der Wissenstransfer unserer Branchenexpertise an die Auftraggeber im Fokus unserer Mission.